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Die andere Seite des Bildschirms
Dunkel Hell

Die andere Seite des Bildschirms

  • Dozierende werden immer stärker zu nur mehr einem kleinen Bildchen auf unseren Computern. Denn die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Uni von innen zu sehen, zu einer Erzählung aus der Vergangenheit geworden ist. Wir haben uns gefragt: Wer sind eigentlich die Menschen auf der anderen Seite des Bildschirms? Um das herauszufinden, haben wir unsere Dozentin Anna Berthold zum Gespräch getroffen.

Anna Berthold studierte Soziologie im Hauptfach und Kommunikationswissenschaft im Nebenfach an der LMU in München. Nach einem Jahr Pause kam sie nach Bamberg, um dort Soziologie im Master zu studieren. Sie entschied sich dafür, weil das Modulhandbuch in Bamberg für sie ansprechender und klarer war. Das der Uni München war im Gegensatz dazu sehr breit und sprach viele Schwerpunkte an: „Ich finde, dass es sich lohnt, auch mal die Uni zu wechseln.“

Das Themenfeld der Migration
Ursprünglich spezialisierte sie sich mit ihrem Schwerpunkt auf das Thema Bildung. Aber auch Migrationsthemen interessierten sie am Ende ihres Masters sehr. Dadurch kam sie zum Themenfeld ihrer Masterarbeit, in der sie sich mit fremdenfeindlichen Einstellungen beschäftigte. Diese Wahl traf sie, weil sie sich grundsätzlich mit der sozialen Ungleichheit auseinandersetzen möchte. Sowohl Migration als auch soziale Ungleichheiten verursachen häufig soziale Barrieren beziehungsweise soziale Ungleichbehandlungen. In der Forschung finden sich bei den beiden Themen auch oft Berührungspunkte.
In ihrer Doktorarbeit befasst sich Berthold mit Akkulturationseinstellungen. Damit gemeint sind Einstellungen zu der Frage: Inwiefern wird sich kulturelle Anpassung von zugewanderten Menschen in Deutschland und Europa gewünscht? Für die Beantwortung der Frage betrachtet sie Einstellungen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Dieses Forschungsfeld ist in der Soziologie noch kaum erforscht.

Steckbrief:
• Aufgewachsen und zur Schule gegangen in Freising, Region München
• 2008-2011: Bachelor der Soziologie und Kommunikationswissenschaft im Nebenfach an der Ludwig-Maximilians-Universität München
• 2012-2016: Master der Soziologie an der Universität Bamberg
• Seit 2016: wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Soziologie, insbesondere Sozialstrukturanalyse an der Universität Bamberg
• 2017- September 2021: stellvertretende Frauenbeauftragte der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bamberg

Der Tagesablauf als wissenschaftliche Mitarbeiterin
Den einen typischen Tagesablauf gibt es nicht, erzählt uns Berthold. Ihre Aufgaben gestalten sich je nach Semesterabschnitt ganz unterschiedlich. Der Arbeitsbeginn erscheint aber zunächst ganz klassisch: Erstmal Mails checken. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs befindet sie sich in einer Phase, in der sie sich viel ihrer Dissertation widmen kann. Das heißt, der zweite Punkt auf der täglichen To-Do-Liste ist aktuell vermehrt das Schreiben und Weiterarbeiten an der Doktorarbeit. Zusätzlich dazu bereitet sie ihre Lehre vor und hält Seminare ab. Dazu gehört es auch, sich Seminarbeiträge der Studierenden anzusehen, mit in das Seminar einzubeziehen und den Studierenden Feedback zu Aufgaben zu geben. Zur Tätigkeit als Dozentin kommen auch Sprechstunden und das Betreuen von Abschlussarbeiten. Außerdem fallen auch immer wieder Korrekturarbeiten des Lehrstuhls an.
Ihre Hauptaufgaben als wissenschaftliche Mitarbeiterin sind also Lehre und Promotion. Witzig dabei: Nichts davon hatte sie ursprünglich geplant. „Es war nicht so, dass ich dachte: Ich bin die geborene Lehrperson.“ Die Entscheidung, zu promovieren, bezeichnet sie lachend als „opportunistisch“. Nach Abschluss ihres Masters wurde ihr der Job am Lehrstuhl angeboten. Sie konnte sich vor allem gut vorstellen, wissenschaftlich zu arbeiten. Lehre und Promotion gingen dabei mit einher. Was anfangs eher ein Ausprobieren von Möglichkeiten nach dem Studium war, findet sie mittlerweile sehr passend für sich.

Ein zweiter kleiner Job
Vier Jahre lang engagierte sich Anna Berthold außerdem als stellvertretende Fakultätsfrauenbeauftragte. Diese Aufgabe nahm auch viel Zeit in Anspruch. Es war „wie ein zweiter kleiner Job“ neben ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Bei ihrem Engagement machte sie nicht nur positive Erfahrungen: „Ich habe die Macht der Strukturen kennen gelernt.“ Die strukturellen Bedingungen der Uni seien sehr stark. Vor allem als Einzelperson sei es eher schwierig, Dinge zu verändern. Es benötige viel Zeit, Arbeit und Kraft. Kritisch sieht sie, dass das Amt der Frauenbeauftragten an der SoWi-Fakultät bis vor Kurzem von Doktorandinnen und nicht von Professorinnen ausgeführt wurde. Es nehme wertvolle Qualifikationszeit der Promovierenden in Anspruch. Außerdem sei die Position als Doktorandin keine mit viel Entscheidungsmacht. Veränderung sei aber bereits erkennbar, denn seit Oktober befinden sich auch drei Professor*innen im Team der Fakultätsfrauenbeauftragten. Aber dennoch müsse für jedes Anliegen zunächst eine Menge Lobbyarbeit betrieben werden, um Fürsprecher*innen zu finden, die die Idee unterstützen. Findet man keine oder nur wenige Menschen, die ein Vorhaben gut finden, kann es nur schwer umgesetzt werden.

„Ich habe die Macht der Strukturen kennen gelernt.“

Es gab aber dennoch Situationen, in denen sie und ihre Kolleginnen durchaus gehört wurden und Dinge umsetzen konnten. Sie will kein zu negatives Bild zeichnen, das Amt sei eine wichtige Position, die ernst genommen und gesehen wird. Anliegen können umgesetzt werden, es brauche nur sehr viel Zeit und Aufwand. In dem Zuge berichtet sie auch von einem Thema, das sie erfolgreich auf die Agenda gebracht haben: Ein Awareness-Konzept für Veranstaltungen sowie den Uni-Betrieb. Auch wenn man oft denken mag, Menschen mit höherer Bildung und an Universitäten seien reflektierter und informierter in Bezug auf Ungleichheiten und Diskriminierung, stellt Berthold fest, dass „auch die Wissenschaft nicht frei von grenzwertigem Verhalten“ ist. Mit dem Awareness-Konzept haben sie und Kolleginnen sich für Anti-Diskriminierung eingesetzt. Konkret heißt das, dass es bei Veranstaltungen ein Team von Ansprechpartner*innen geben soll, das sich bei Grenzüberschreitungen um Betroffene kümmert und zur Lösung solcher Konflikte beitragen soll. Ein Konzept dafür wurde entwickelt und vor Corona auch bereits einmal durchgeführt. Jetzt wurde der Konzeptentwurf erstmal an das Frauenbüro weitergegeben, welches dieses zusammen mit der Unileitung weiter umsetzt.

Berufliche Zukunft
Beruflich will Anna Berthold die Intention verfolgen, Wissen in die Politik zu bringen. Denn sie stellt fest: „Wissenschaft produziert Wissen“, welches jedoch zu selten in die Gesellschaft gebracht wird. Es wird eher innerhalb der Wissenschaft verbreitet und zu oft wird es anderen überlassen, sich weiter damit zu beschäftigen. Daher sagt sie: „Natürlich fände ich es schön, wenn meine Arbeit zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen könnte und auch Stellschrauben liefern könnte, wie Intergruppenbeziehungen besser gestaltet werden können.“ Momentan ist es aber noch sehr offen, in welchem Beruf sie sich nach ihrer Promotion genau sieht. Wissenschaftliches Arbeiten bereitet ihr großen Spaß. Daher könnte sie sich gut vorstellen, nah an der Wissenschaft zu bleiben und beispielsweise eine Tätigkeit in einer politischen Institution, wie einem Ministerium, oder als Referentin im politischen Betrieb auszuführen. Andererseits könnte sich auch vorstellen, mehr im Anwendungsbereich zu arbeiten und beispielsweise Lobbyarbeit für eine NGO zu übernehmen.
Ihre Message: „Ich würde gerne Studentinnen ermutigen, laut zu sein.“

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