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#actout – ein „Akt der Selbstliebe“
Dunkel Hell

#actout – ein „Akt der Selbstliebe“

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  • Interviews mit Julius Feldmeier und Bärbel Schwarz vom #actout Manifest.

Am 5. Februar erschien in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Wir sind schon da“ ein Artikel, in dem sich 185 Schauspieler*innen unter anderem als lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter und non-binär outeten. Auch auf Social Media wurde auf dem Kanal der SZ und den privaten Accounts der Schauspieler*innen in vielen Posts auf den Artikel hingewiesen.

Was fordern die 185+ Menschen des #actout Manifests?

Online erklären die Schauspieler*innen, dass es weitaus mehr Geschichten und Perspektiven gäbe als nur die des heterosexuellen weißen Mittelstands, die angeschaut und gefeiert werden. Außerdem sei Diversität in Deutschland längst gesellschaftlich gelebte Realität. „Dieser Fakt spiegelt sich aber noch zu wenig in unseren kulturellen Narrativen wider“, stellen sie fest.

Ihre Haltung ist klar: Es gibt keine Unvereinbarkeit zwischen der Offenlegung der sexuellen sowie der Geschlechtsidentität mit der Darstellung bestimmter Figuren und Beziehungen. „Wir sind Schauspieler:innen. Wir müssen nicht sein, was wir spielen. Wir spielen, als wären wir es – das ist unser Beruf“, schreiben sie.

Jetzt haben sie den gemeinsamen Schritt gewagt: Sie wollen ihre eigene sexuelle Orientierung, Identität sowie Gender nicht mehr geheim halten müssen. Denn genau das wurde vielen geraten, um die eigene Karriere nicht zu gefährden.

Zwei der 185+ Schauspieler*innen des Manifests, Julius Feldmeier und Bärbel Schwarz, haben uns Fragen zu #actout beantwortet und ihre Sichtweise auf das Projekt geteilt. Damit sich in Theater, Film und Fernsehen in Zukunft etwas verändert, müssen mehr Menschen als die 185+ aktiv werden. Überall sollte sich eine kritische Auseinandersetzung anschließen – auch in Bamberg. Wie sich das Manifest auf lokale Akteur*innen aus der Schauspielbranche ausgewirkt hat, erfahren wir von Dramaturgin Victoria Weich und Schauspielerin Clara Kroneck vom ETA Hoffmann Theater in Teil 2.

Interview mit Julius Feldmeier und Bärbel Schwarz zum #actout Manifest

Julius Feldmeier kennt ihr vielleicht aus „Das Boot“, „Babylon Berlin“ oder „Mein Ende. Dein Anfang“ und auch aus einigen deutschen Krimis. Für die Hauptrolle in „Tore tanzt“ wurde er 2014 mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet. Auf Instagram bezieht er immer wieder Stellung zu politischen Themen, wie beispielsweise zur Lage Geflüchteter im Camp in Moria.

„Systemsprenger“, „Ku’damm 59“ und „Glück ist was für Weicheier“ zählen zu Produktionen, in denen ihr bestimmt Bärbel Schwarz schon mal gesehen habt. Auch in deutschen Krimi-Reihen wie „Polizeiruf 110“ ist sie immer wieder Teil der Besetzung und beim „Tatort“ aus dem Schwarzwald spielt sie seit 2019 eine feste Rolle als Polizistin. Außerdem arbeitet sie als Musikerin und musikalische Leiterin in verschiedenen Kontexten.

Was überwiegt gerade: die Freude über das Projekt oder die generelle Enttäuschung, dass ein solches Projekt notwendig ist?
Bärbel: Zuerst mal die riesige Freude, dass sich so viele dazu bekannt und mitgemacht haben! YEAH!! Ich freue mich auch sehr über die Aktionen, die sich angeschlossen haben, wie z.B. #teachout. Diese große Freude ist natürlich immer gepaart mit der Hoffnung, dass sich die vielen etablierten Kollleginnen und Kollegen, die sich nicht beteiligt haben, doch noch ein Herz fassen und nachrücken! COME OUT! Ich freue mich auf #Bundesligaout, #CDUout, #Polizeiout, #Stadtverwaltungout, #Schwiegermamaout, #Handwerkerout usw. Es ist doch an der Zeit Leute!

Julius: Ganz klar die Freude über das Projekt! Die Art und Weise der Veröffentlichung, die Energie innerhalb der Gruppe, der Wille zum Lernen und Weiterkommen, die Signalwirkung und erste ähnliche Bewegungen aus anderen Berufsfeldern und Ländern sind überwältigend schön.

Julius, von sehr vielen deiner Kolleg*innen, beispielsweise von Vicky Krieps und Anton Spieker von „Das Boot”, hast du Positivität auf #actout erhalten. Gab es auch schon Reaktionen von Agent*innen, Caster*innen, etc. auf dein Coming-Out?

Ich habe meine Agenten von Gottschalk | Behrens | Unkelbach (kurz Agentur GBU) einige Tage vor der Veröffentlichung des SZ-Magazins darüber informiert, dass sie mich dort finden würden. Das sind drei sehr feine und kluge Männer mit einem klaren Blick auf viele Missstände in unserer Branche, die absolut hinter mir stehen.

Die drei verstehen sich auch ganz klassisch als meine Repräsentanten, die in meinem Auftrag und in meinem Sinne mit mir zusammenarbeiten. Das wird nicht überall so gehandhabt. Einige Caster*innen haben sich schon öffentlich geäußert. Suse Marquardt hat unser Manifest geteilt und eine Selbstverpflichtung dazu geschrieben, was mich sehr berührt hat, Anja Dihrberg hat ein tolles Interview im DLF gegeben, Franziska Aigner hat ganz vielen sehr anerkennend zugesprochen, das sind wichtige Signale.

Queere Menschen fühlen sich oft durch die heteronormative Gesellschaft unter Druck gesetzt, sich outen zu müssen. Habt ihr auch solche Erfahrungen gemacht und vielleicht noch Situationen im Kopf?
Julius: Für mich war es eher andersrum. Ich bin bisexuell, lebe in einer langjährigen Partnerschaft mit einer Frau usw. Ich habe mir selbst oft den Druck gemacht, den heteronormativen Ansprüchen, die an uns alle gestellt werden, gerecht zu werden. Natürlich kommen diese Ansprüche von außen, aber ich habe die total internalisiert und dadurch war ich selbst ein Unterdrücker meiner eigenen queerness. Das öffentliche Coming-Out ist für mich damit hoffentlich eine Befreiung von inneren und äußeren Zwängen. Patrick Güldenberg hat es einen „Akt der Selbstliebe“ genannt, das finde ich sehr treffend.

Bärbel: Ich habe mich glaube ich dadurch eher lange Jahre unter Druck gesetzt gefühlt, mich nicht zu outen. Also schön im Verborgenen zu leben. Und immer noch überlege ich mir, ob ich z.B. (ganz aktuell) meinen coolen Handwerkern, mit denen ich gerade viel Zeit verbringe, weil sie mit mir meinen Probenraum renovieren, DAS aufs Auge drücke oder lieber nicht. Also das allein ist ja schon anstrengend. Dass ich überhaupt darüber nachdenke. Ansonsten hilft es ja auch manchmal, wenn ich nicht von Männern belästigt werden will. Das befreit mich oft von einem gewissen Druck.

Im SZ-Artikel wird von Schauspieler*innen berichtet, die sich dann doch nicht getraut haben, dabei zu sein. Wie nehmt ihr die Zahl der Menschen, die sich unter #actout geoutet haben, wahr?
Bärbel: 185 Menschen sind natürlich super viele und es ist eine große Freude, das zu sehen! Am meisten geschockt bin ich darüber, dass es doch so viele sind, die nicht dabei sein wollten. Im Jahr 2021. Ich verstehe es natürlich auch, dass nicht jede oder jeder so weit ist. Aber ich wünsche mir wie gesagt, dass sich viele oder alle bald ein Herz fassen. Gerade die Etablierten!

Julius: Nicht alle der 185+ Menschen, die das Manifest unterzeichnet haben, das Anlass für den SZ-Artikel gegeben hat, hatten damit ihr Coming-Out. Diesen Aspekt muss man auch bei den Menschen sehen, die sich jetzt dagegen entschieden haben, dabei zu sein. Sie hatten zum Teil keine Lust darauf oder keine Energy dafür, die gleichen Gespräche nochmal führen zu müssen, von denen sie vor Jahren gehofft hatten, dass sie damit mal durch wären. Der Kampf um Sichtbarkeit, Anerkennung und gleiche Rechte ist ja nicht erst ein paar Monate alt.

Und trotzdem müssen viele Menschen gerade sehr hart kämpfen, auch in Deutschland. Das Wiederholen der immergleichen Fragen an Menschen, die als anders gelesen werden, sowie die Tatsache, dass es kaum Wissen und Empathie für Mehrfachdiskriminierungen gibt, sind für Betroffene ermüdend und retraumatisierend. Das ist eine systematische Problematik.

An welchen Stellen fehlt es noch an Mut und finanziellen Mitteln, damit mehr queere Filme produziert werden? Oder sind eventuell andere Aspekte die Ursache?

Julius: An allen Stellen. In der Filmbranche passiert es oft, dass sich unterschiedliche Institutionen bei komplexen Diskursen einfach gegenseitig die Schuld geben und am Ende passiert dann gar nichts oder ganz wenig, weil alle von sich behaupten, sie würden ja schon ganz viel richtig machen und das Problem läge da und da. Das muss aufhören. Wir müssen endlich begreifen, dass wir alle (die Theater auch richtig schlimm) in patriarchalen und heteronormativen Strukturen leben und arbeiten, an denen einzelne Aktionen, Personen, Filme etc. praktisch nichts ändern können. Wir müssen da gemeinsam ran. Alle, an allen Stellen, die ganze Zeit.

Bärbel: Ähm, naja, in Deutschland fehlt es glaube ich allgemein an Mut überhaupt außerhalb der “Persil wei(ß)ch gespülten” Norm irgendwas zu produzieren. In der #actout Runde der Queer Media Society wurde neulich die Idee laut, dass Redakteure eigentlich null Prüfungen oder Kontrolle unterliegen. Und, dass man das doch einführen könnte. Eine Evaluation für Redakteure! Das fänd ich cool! Denn die haben leider ganz schön viel Einfluss, darauf zum Beispiel, welche Drehbücher überhaupt umgesetzt werden dürfen.

Bärbel, du warst auch schon am Theater hier in Bamberg. Erinnerst du dich noch, wie du die Repräsentation queerer Personen in den Produktionen dort empfunden hast?
Haha, wenn ich drüber nachdenke waren die beiden Produktionen, die ich in Bamberg mitgemacht habe VERY QUEER!! Bamberg forever! Ich würde schätzen 70 Prozent der Produktion im sogenannten „inner circle“. Das wurde aber nicht zum mega Thema gemacht, sondern es war sehr angenehm ganz selbstverständlich alles. In dieser Hinsicht in beiden Fällen ein sehr angenehmes Klima. #BAMBERGOUT!!

Habt ihr für unsere Leser*innen Tipps für ihr mögliches Coming-Out?
Bärbel: Erstens, trefft Euch mal mit Julius und mir auf nen Kaffee! Zweitens, unbedingt das Video anschauen!

Julius: Der Instagram-Account von Matt Bernstein ist eine absolute Perle, die ich allen sehr empfehlen kann.

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