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Selbstzweifel als Asexuelle
Dunkel Hell

Selbstzweifel als Asexuelle

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  • Personen, die nicht nach der Heteronorm leben, zweifeln ständig und viel. Bin ich ok, so wie ich bin? Warum fühle ich so und nicht „normal“? Fühle ich wirklich so oder bilde ich mir das nur ein? Neben den „homemade“ Zweifeln entstehen die Selbstzweifel für viele auch durch äußere Einwirkungen. Ein Erfahrungsbericht aus asexueller Sicht.

Der Weg zum Label der eigenen Sexualität ist für viele holprig. Für Asexuelle, auch Aces genannt, ist es zusätzlich nebelig. Denn als asexuelle Person spürt man keine oder kaum Anziehung sexueller Art, beziehungsweise kein Verlangen nach sexueller Interaktion. Unabhängig davon können asexuelle Menschen sich romantisch, sinnlich oder ästhetisch von anderen Menschen angezogen fühlen. Die tatsächliche sexuelle Aktivität ist allerdings nicht vom Label bestimmt, denn einige Asexuelle haben trotzdem aus unterschiedlichen Gründen Sex. Zusätzlich nennen viele asexuelle Menschen zur Selbstbeschreibung oft eine Art der romantischen Anziehung, beispielsweise panromantisch. Wer keine Anziehung sexueller und romantischer Art empfindet, kann sich aromantisch-asexuell oder auch Aro-Ace nennen. Außerdem befinden sich auf dem asexuellen Spektrum weitere Orientierungen wie beispielsweise Demisexualität. Das beschreibt Menschen, die sich nur durch eine vorherige emotionale Bindung zu einer anderen Person körperlich oder sexuell hingezogen fühlen.

Ace-Struggles im Alltag

Asexuell zu sein kann dazu führen, dass man sich im Alltag oft unwohl fühlt. Dazu tragen beispielsweise Gespräche zu Themen wie „Wann hattest du dein erstes Mal?“ oder „Wie viele Beziehungen hattest du schon?“ bei. Einfach nichts sagen und hoffen, dass sich das Thema erledigt, klappt nicht immer und manchmal musst du erklären, dass du noch nie in einer Beziehung warst. An sich ist das zwar schon sehr persönlich, aber noch nicht der Peak des Unwohl-Fühlens, denn meistens sind die Reaktionen verletzender: „Warum das denn?“ oder einfach „Oh!“ treffen direkt rein ins anxiety department, du musst dich erklären und für den restlichen Abend zerdenkst du die Reaktionen und fühlst dich minderwertig. Dabei ist es doch ganz einfach: Es ist nichts falsch daran, keine sexuelle Beziehung zu wollen. Ich merke immer wieder: Die Gesellschaft muss noch daran arbeiten die Art und Häufigkeit von sexuellen Interaktionen ohne Wertung zu behandeln. Viel Sex, kein Sex, ein bisschen Sex – geht dich nichts an und ist alles super.

Im Zuge der Enttabuisierung von Sex erlebt die Sexpositivität exponentielles Wachstum auf der Coolness-Skala. Generell ist die Normalisierung der Thematik natürlich wichtig, doch für Aces erschafft die häufigere Thematisierung gerade in der queeren Community oft Momente, in denen sie sich unwohl fühlen. Asexuelle können auch sexpositiv sein, aber für einige ist das Thema mit negativen Emotionen verbunden, beispielsweise durch die oben beschriebenen Reaktionen. Dieses Empfinden kann man auch als sexrepulsed beschreiben, sie haben also eine abweisende Haltung zum Thema. Dazwischen gibt es viele weitere Arten des Umgangs. Aktuell ist es angesagt, sexpositiv zu sein, also beispielsweise gerne über Sex zu reden. Das kann für sexrepulsed Aces einen Knick im Selbstbewusstsein bedeuten, denn wer nicht dauerhaft vom eigenen Sexleben berichtet, wirkt im Gespräch schnell unbeteiligt. Der Austausch über intime Themen gehört für viele Freund*innenschaften und romantische Beziehungen dazu. Diese Gespräche können und wollen einige Aces nicht führen und so fühlt es sich an, als rutsche man auf der Rangliste als interessante*r Gesprächspartner*in ein Stückchen nach unten. Dabei gibt es doch so viele interessantere Gesprächsthemen.

Auch im Thema Beziehungen und Partner*innen ist die Norm in Bezug auf sexuelle Aktivität noch kaum aufgebrochen. Gesellschaftlich ist meist nur eine sexuell aktive Beziehung direkt akzeptiert, alles andere wird oft als falsch oder komisch betitelt. Wenn eine Partner*innenschaft nicht sexuell ist, fehlt der gesellschaftlichen Ansicht nach ein Teil der Liebe. Für asexuelle Menschen ist das nicht der Fall, sie empfinden Liebe nicht an sexuelle Interaktion gekoppelt. Wenn man als asexuelle Person eine Beziehung möchte, ist man jedoch mit der Erwartung der sexuellen Aktivität der anderen Person konfrontiert. Zwar ist vielen Menschen Sex in der Beziehung nicht wichtig, aber dennoch haben Aces Angst, sie könnten der anderen Person nicht genug zu bieten haben. Schon bevor die Beziehung richtig startet, reden sie sich ein, nicht auszureichen. Ich versuche mich beispielsweise jetzt schon fälschlicherweise mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich eine zukünftige Beziehung öffnen muss, um mein Gegenüber glücklich zu sehen. Ein Hoch auf platonische Beziehungen!

Ass im Ärmel

Haben sich diese Zweifel lange genug innerlich ausgebreitet, fühlen sie sich erst richtig wohl. Dann kann es schnell dazu kommen, dass man den eigenen Selbstwert hinterfragt. „Ich will nicht alleine leben“ und „ich muss so langsam mal eine*n Partner*in finden“, denkt man oft. Aber: Allein leben kann so powerful sein! Look at you, wie du alles allein angehst und gebacken kriegst! Du brauchst keine weitere Person, um komplett zu sein. Du kannst dein volles Potential auch allein ausschöpfen. Und wir müssen uns immer wieder sagen: Es ist nichts traurig daran, allein durchs Leben zu gehen.

Wenn man es positiv sehen möchte, haben Aces im Vergleich zu Allosexuellen, also Menschen mit sexueller Anziehung, tatsächlich ein Ass im Ärmel: Sie können aus ihrer Asexualität Kraft und Fokussierung schöpfen. Wer weniger Zeit und Gedanken an Sex verschwendet, hat mehr Zeit für die wirklich schönen Dinge wie gutes Essen, Filmabende oder Kuchen-Dates. Außerdem haben sexrepulsed Aces ein paar Sorgen weniger: keine ungeplante Schwangerschaft, keine teuren Schwangerschaftstest zahlen, keine Möglichkeit, sexuell übertragbare Erkrankungen zu bekommen, und sie können das relationship-drama von außen beobachten.

Falls du dich über das Thema austauschen magst, melde dich gerne bei mir (kim.becker@ottfried.de).

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